Wie entstehen 3R-Zentren, was können sie bewirken und wie gewinnt man Forschende für neue Wege? Michael To Vinh vom 3R-Kompetenznetzwerk NRW und Dr. Elisabeth Zinser von der Erlanger Initiative 3R berichten von Pionierarbeit, überraschenden Begegnungen und der Kunst, Brücken zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven zu bauen.
Während das 3R-Kompetenznetzwerk NRW bereits Erfahrungen gesammelt und schon zahlreiche Forschende vernetzt hat, steht die Erlanger Initiative noch am Anfang. Beide verfolgen dasselbe Ziel: Alternativmethoden sichtbarer zu machen, Wissen zu teilen und eine verantwortungsvolle Forschung voranzubringen.
Was sind Ihre größten Herausforderungen als 3R-Zentren?
Michael To Vinh: Wir müssen Vertrauen aufbauen und Bewusstsein schaffen. Manche Forschende befürchten zunächst, ein 3R-Zentrum wolle ihnen Tierversuche verbieten. Andere betrachten ihre Arbeit mit und an Alternativmethoden als völlig unabhängig davon. Als 3R-Zentrum sehen wir uns als Brückenbauer zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in der biomedizinischen Forschung. Dafür braucht es aber auch die Unterstützung der Verantwortlichen an den Universitäten.
Elisabeth Zinser: Auch wir möchten deutlich machen, dass es uns nicht um die pauschale Abschaffung von Tierversuchen geht. Nicht jede wissenschaftliche Fragestellung lässt sich allein mit Zellkulturen beantworten. Aber alternative Methoden haben ebenso ihre Berechtigung und können die Forschung entscheidend verbessern. Deshalb brauchen wir einen offenen Dialog und kein Lagerdenken.
Was können 3R-Zentren konkret bewirken, was einzelne Forschungsgruppen allein kaum schaffen?
Michael To Vinh, Netzwerkmanager des 3R-Kompetenznetzwerks NRW. Quelle: 3R-Kompetenznetzwerk NRW
To Vinh: Wir bringen Wissen und Menschen zusammen. Wie wichtig das ist, zeigt etwa eine Begegnung auf einer Netzwerkveranstaltung in Bonn: Zwei Forschende, die an ähnlichen Themen arbeiten, lernten sich erst dort kennen. Obwohl beide an derselben Uni in NRW arbeiten, waren sie sich bisher nie begegnet. Solche Treffen schaffen die Grundlage für neue Kooperationen. Zudem helfen wir als Netzwerk dabei, Erfahrungen zur Verbesserung des Tierwohls weiterzugeben. Vieles aus dem so genannten Refinement-Bereich ist bereits als Wissen in einzelnen Laboren und Tierhaltungen vorhanden, bedarf aber einer besseren systematischen Dokumentation und Verbreitung.
Sie sind auf unterschiedlichen Wegen gestartet. Wie kam es jeweils zur Gründung ihrer 3R-Zentren?
To Vinh: Bei uns in NRW hat die Landesregierung den entscheidenden Anstoß gegeben. Die Gründung eines 3R-Kompetenznetzwerks wurde im Koalitionsvertrag verankert. Das Netzwerk sollte jedoch aus der Forschung heraus entwickelt werden. Es gab von politischer Seite keine Vorgaben. Gemeinsam mit den acht medizinischen Fakultäten in NRW haben wir daher zunächst überlegt, was tatsächlich gebraucht wird. Ich war seit der Gründung im Frühjahr 2022 dabei. Da war vieles noch völlig offen. Wir mussten Strukturen schaffen und herausfinden, wie wir die vorhandenen Aktivitäten rund um die 3R-Methoden besser bündeln können.
Zinser: Wir haben deutlich kleiner angefangen. Ich habe im April 2025 Forschende angeschrieben, von denen ich wusste, dass sie sich mit Alternativmethoden zum Tierversuch beschäftigen. Zwölf Personen kamen beim ersten Treffen zusammen, daraus entstand unsere Initiative. Schnell haben wir jedoch festgestellt: Es gibt in Erlangen bereits viele spannende Ansätze, aber die Forschenden wissen oft nichts voneinander. Deshalb wollen wir eine Plattform schaffen, die sie zusammenbringt und den Zugang zu vorhandenen 3R-Methoden erleichtert.
Was braucht es, damit aus einer guten Idee ein funktionierendes Netzwerk wird?
To Vinh: Wir haben erst einmal ganz viele Gespräche geführt, sowohl mit Forschenden, die mit Versuchstieren arbeiten, als auch mit denen, die Alternativmethoden entwickeln. Wir wollten wissen, was es bereits gibt, wo die Herausforderungen liegen und wie wir unterstützen können. Unser erstes großes Kick-off-Treffen im Dezember 2022 hat unsere Erwartungen dann weit übertroffen: Rund 60 Menschen waren vor Ort, etwa 500 weitere online zugeschaltet. Da wurde deutlich, wie groß das Interesse am 3R-Thema und am interdisziplinären Austausch war.
Dr. Elisabeth Zinser, Sprecherin der Erlanger Initiative 3R. Quelle: FAU/Giulia
Zinser: Kommunikation ist das Zauberwort, aber man muss auch Verbündete auf höherer Ebene finden. Wir hatten das Glück, dass das Universitätsklinikum Erlangen und unser Universitätspräsident die Initiative unterstützt haben. Das macht einen Unterschied – auch ganz praktisch, wenn Räume oder Ressourcen benötigt werden. Außerdem hilft es enorm, von anderen 3R-Zentren zu lernen. Michael To Vinh hat uns beispielsweise bei unserer Auftaktveranstaltung unterstützt. Warum nicht auf vorhandenen Erfahrungen aufbauen und gemeinsam die 3R-Prinzipien gezielt voranbringen?
Wie erreichen Sie Forschende, die bislang wenig Berührung mit den 3R-Prinzipien hatten?
Zinser: Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Lehre. Wir wollen die 3R-Methoden stärker in die Ausbildung integrieren und Studierenden früh zeigen, welche Alternativen zum Tierversuch es gibt. Für praktische Übungen können beispielsweise Dummys eingesetzt werden, etwa um bestimmte Handgriffe zu trainieren. So lernen Studierende Alternativmethoden kennen, bevor sie überhaupt mit einem lebenden Tier arbeiten.
To Vinh: Wir merken auch, dass sich das Bewusstsein verändert. Gerade jüngere Forschende beschäftigen sich von sich aus stärker mit der Frage, welche Methoden für ihre Forschung geeignet sind und ob es Alternativen zum Tierversuch gibt. Zugleich steigt die Nachfrage nach 3R-Methoden. Das ist eine wichtige Entwicklung: Die 3R werden zunehmend nicht nur als Vorgabe verstanden, sondern als Teil dessen, was gute Wissenschaft heutzutage ausmacht.
Zinser: Das erleben wir ebenfalls. Es gibt junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich ganz bewusst über alternative Methoden informieren möchten. Umso wichtiger ist es, dass sie passende Ansprechpartner finden.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft der 3R-Forschung?
Zinser: Ich wünsche mir, dass junge Forschende den Mut haben, etablierte Methoden kritisch zu hinterfragen und neue wissenschaftliche Ansätze in Betracht zu ziehen. Die steigende Nachfrage nach Alternativmethoden stimmt uns zuversichtlich. Nun gilt es, das entsprechende Wissen und geeignete Angebote möglichst einfach mit Hilfe von 3R-Plattformen zugänglich zu machen.
To Vinh: Die 3R dürfen nicht bloß ein Punkt im Tierversuchsantrag sein. Sie müssen zum Selbstverständnis moderner Wissenschaft gehören. Wenn Forschende von Anfang an das für ihre Fragestellung am besten geeignete Modell wählen, statt automatisch auf gewohnte Methoden zurückzugreifen, ist schon viel gewonnen. Hierbei kann auch der Aufbau einer Community der 3R-Forschenden in Deutschland helfen.
Gemeinsam für die 3R-Forschung: In Berlin haben sich vor kurzem einige Vertreterinnen und Vertreter von 3R-Zentren aus ganz Deutschland getroffen, um ihre Kräfte zu bündeln. Quelle: Projektträger Jülich
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