„Teamgeist ist für mich der wichtigste Erfolgsfaktor“

Ein ganzer Mensch auf einem winzigen Microchip? Was nach Science-Fiction klingt, ist für Dr. Eva-Maria Dehne eine reale Vision, die Tag für Tag ein kleines Stückchen näher rückt. Die Forscherin arbeitet bei der TissUse GmbH in Berlin an Organ-on-a-Chip-Systemen, die die Medizinforschung revolutionieren könnten.

Dr. Eva-Maria Dehne
Quelle: TissUse GmbH Berlin

Das Biotech-Unternehmen TissUse ist für Eva-Maria Dehne längst zu ihrem „zweiten Zuhause“ geworden. Es ist der Ort, an dem sie die Medizin der Zukunft mitgestaltet und Tierversuche überflüssig machen möchte. Sie begleitet die Firma bereits seit der Gründung im Jahr 2010 und hat ihr stetiges Wachstum mitgeprägt. Als Forschungskoordinatorin arbeiten sie und ihr Team an sogenannten Organ-on-a-Chip-Systemen. Das sind winzige, vernetzte Miniatur-Organe auf einem Mikrochip, die biologische Prozesse im menschlichen Körper präzise simulieren.

Vom Lebensmittelstudium zur Biotech-Revolution

Am Beginn ihres Weges in die Wissenschaft stand eine ethische Überzeugung. Ursprünglich hat Eva-Maria Dehne Lebensmitteltechnologie studiert, motiviert von der Idee gesunde und nachhaltige Ernährung massentauglich zu machen. Im ersten Semester an der Technischen Universität Berlin begegnete sie dann Professor Roland Lauster. „Seine Arbeit im Bereich Tissue Engineering hat mich sofort begeistert“, erinnert sie sich. „Das hat mich sehr schnell davon überzeugt, in die medizinische Biotechnologie zu wechseln.“

Ihr Blick auf die Forschung ist pragmatisch geprägt: Tierversuche lehnt sie nicht grundsätzlich ab. Als Wissenschaftlerin setzt sie vielmehr dort an, wo das Tiermodell keine guten Ergebnisse liefert. „Mir geht es in erster Linie darum, Aussagen zu generieren, die besser auf den Menschen übertragbar sind.“

Eine Allianz für die Zukunft

Ein prägendes Kapitel ihrer Laufbahn spielt in Südkorea. Während ihres Studiums kämpfte sie gemeinsam mit ihrer heutigen Kollegin Dr. Ilka Maschmeyer darum, an einem anspruchsvollen Dual-Degree-Programm in Seoul teilnehmen zu können. Es war keine Erfahrung, die ihr einfach in den Schoß fiel: „Wir haben hart dafür gekämpft“, erzählt sie.

Das Jahr in Korea war weit mehr als nur eine fachliche Weiterbildung. Die Kultur und der dortige Forschergeist beeindruckten sie tief und schmiedeten eine Allianz, die bis heute hält. „Das hat unsere Freundschaft stark vertieft“, sagt Dehne. Dass beide Frauen nach ihrer Rückkehr gemeinsam die begehrten Promotionsstellen bei TissUse antraten, war für sie daher ein doppelter Glücksfall. Während Maschmeyer heute das Business Development der Firma leitet, hält Dehne im Labor die wissenschaftlichen Fäden zusammen.

Personalisierte Chips als Zukunftsvision

Dehnes Antrieb ist die Erkenntnis, dass Tiermodelle oft an ihre Grenzen stoßen, weil ihr Stoffwechsel schlicht anders funktioniert als unser eigener. Um diese Lücke zu schließen, vernetzt sie in ihren Projekten bis zu vier Organe auf einem einzigen Mikrochip. Ein Erfolgsbeispiel von TissUse, das bereits in mehreren Laboren von Industriepartnern zum Einsatz kommt, ist der Knochenmark-Assay. Er simuliert das blutbildende System so präzise, dass Reaktionen auf Medikamente direkt am menschlichen Modell ablesbar werden. „Da wir die Organmodelle aus humanen Zellen züchten“, erklärt Dehne, „haben wir auch einen humanen Metabolismus und eine humane Immunantwort.“

Die Zukunftsvision der Forscherin reicht jedoch noch weit darüber hinaus: „Unser Ziel ist der ‚Human-on-a-Chip‘, also die Simulation des gesamten menschlichen Organismus.“ Dabei denkt Dehne auch einen personalisierten Ansatz mit. Die Chips könnten künftig gezielt die Biologie spezifischer Patientengruppen widerspiegeln. Etwa um zu verstehen, warum Frauen anders auf Wirkstoffe reagieren als Männer oder wie das Alter den Stoffwechsel verändert. „So könnten wir uns für einzelne Gruppen gezielt anschauen, wie sie auf eine bestimmte Substanz reagieren“, erklärt sie begeistert.

Trotz der internationalen Anerkennung bleibt für Eva-Maria Dehne der Teamgeist der wichtigste Erfolgsfaktor. „Ich komme immer gerne ins Büro, auch wenn ich eine Stunde pendeln muss – einfach nur, weil unser Team so toll ist“, sagt sie. Jeden Tag kocht ein Kollege für alle Mitarbeitenden in der großen gemeinsamen Küche – ein Ritual, das diese Küche zum zentralen Ort der Firma gemacht hat. Hier wird nicht nur gegessen, sondern freundschaftlich geplaudert und Ideen ausgetauscht. „Das ist unglaublich wertvoll für unseren Teamgeist und wird von allen sehr geschätzt“, betont Dehne. Um komplexe Forschungsthemen anzugehen, brauche es genau diesen Zusammenhalt. So entstehen bei TissUse tierfreie, humanrelevante Methoden für eine Medizin der Zukunft – mit Therapieansätzen, die so individuell sind wie der Mensch selbst.

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  • Komplexe wissenschaftliche Fragestellungen können oft nur in Kooperation mit vielen Disziplinen beantwortet werden. Baut euch Netzwerke auf, seid offen für Kooperationen und schaut über den Tellerrand des eigenen Forschungsfeldes hinaus. Oft finden sich interessante Fragestellungen oder unerwartete Lösungen, wenn man einen anderen Blickwinkel einnimmt.

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