„Ich will an etwas forschen, das gesellschaftlich relevant ist“

Leon Budde entwickelt automatisierte Systeme zur Herstellung von menschlichem Herzmuskelgewebe – als Alternative zu Tierversuchen in der Wirkstoffforschung. Sein Weg in die 3R-Forschung begann für den Ingenieur mit einem Implantat im Finger und einer Erfahrung im Auslandssemester, die ihn nicht mehr losließ.

Leon Budde
Quelle: © Leibniz Universität Hannover, Institut für Mechatronische Systeme

„Ich hatte schon immer eine enge Bindung zu Tieren, ich bin mit Hunden und Pferden aufgewachsen“, erzählt Leon Budde. Seine Mutter ist Tierärztin, früher hat er oft in ihrer Praxis geholfen. Und doch habe es relativ lange gedauert, bis er hinterfragt hätte, wie unsere Gesellschaft mit Nutztieren umgeht, so Budde. „Ich bin dann aber sehr schnell zu dem Punkt gekommen, dass ich daran etwas ändern möchte.“ Inzwischen lebt er seit einigen Jahren vegan. „Früher war es ganz normal, Tiere zu mögen und trotzdem Fleisch zu essen. Heute sehe ich darin einen Widerspruch.“ Diese Haltung setzt Leon Budde konsequent um, nicht nur beim Essen, sondern auch in seiner Forschungsarbeit: Der Ingenieur entwickelt Technologien, die dazu beitragen sollen, den Einsatz von Tierversuchen in der Wirkstoffforschung zu verringern.

Forschung an der Schnittstelle zwischen Technik, Medizin und Ethik

Aus Begeisterung für Technik studierte Leon Budde zunächst Maschinenbau. Eine Fingerverletzung seiner Mutter und deren Behandlung mit einem innovativen medizinischen Implantat weckte schließlich sein Interesse für medizintechnische Lösungen. In seinem Master in Biomedizintechnik an der Leibniz Universität Hannover konnte Budde beides verbinden. Bei einem Auslandssemester im kanadischen Toronto besuchte er zum ersten Mal ein Versuchstierlabor: ein Erlebnis, das ihn zum Nachdenken brachte. „Kein Tageslicht, viele Tiere auf engstem Raum, eine laute Geräuschkulisse – das habe ich als sehr bedrückend empfunden“, erinnert er sich. Diese Erfahrung hat seine weitere Laufbahn geprägt.

Heute arbeitet Leon Budde an der Schnittstelle von Technik, Medizin und Ethik. Sein interdisziplinäres Team forscht an der Leibniz Universität Hannover an automatisierten Verfahren zur Herstellung von Herzmuskelgewebe aus menschlichen Zellen. Diese Gewebemodelle sollen helfen, neue Wirkstoffe direkt an menschlichen Zellen zu testen, statt an Mäusen oder Ratten, deren Reaktionen oft nur begrenzt auf den Menschen übertragbar sind.

Breite Anwendung in der Industrie ermöglichen

Gemeinsam mit seinem Forschungspartner Tim Meyer von der Universitätsmedizin Göttingen erhielt Leon Budde 2022 für seine Arbeit den Tierschutzforschungspreis des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Das war der Auftakt für das Projekt „AutoOrgan_3R“, das mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums noch bis 2027 läuft. Die Forschenden wollen die Verfahren so optimieren, dass sie praxistauglich werden für die breite Anwendung in der Industrie. Denn bislang ist die Herstellung von Gewebemodellen im Labor noch zu aufwendig und zu langsam, um sie in der Medikamentenentwicklung flächendeckend einsetzen zu können.

Hier setzt Buddes Forschung an: Der gesamte Herstellungsprozess soll automatisiert werden, damit in Zukunft genügend Gewebe für pharmakologische Tests zur Verfügung steht. Denn je mehr Wirkstoffe direkt an menschlichem Gewebe getestet werden können, desto weniger Tierversuche sind nötig und desto genauer können Wirkungen und Nebenwirkungen für den Menschen vorhergesagt werden. „Wenn man direkt am menschlichen Gewebe testet, kann man viele Wirkstoffe aussortieren, die am Ende im Menschen nicht wirken würden“, erklärt Budde. So könnten nicht nur Tierversuche reduziert, sondern auch Entwicklungszeiten verkürzt werden.

Dass diese Vision Realität werden kann, ist für Leon Budde kein bloßer Wunsch, sondern eine Frage der Ausdauer, der Zusammenarbeit und der richtigen Technik. „Ich finde es motivierend, an etwas zu forschen, das gesellschaftlich relevant ist“, sagt er. Budde weiß, dass Tierversuche nicht sofort verschwinden werden. Doch er möchte mit seiner Forschung dazu beitragen, Alternativen zu schaffen, die so gut und wirtschaftlich sind, dass Tierversuche nicht mehr nötig sein könnten. „Es ist ein langer Weg, aber einer, der sich wirklich lohnt.“

Welchen Rat möchten Sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs mitgeben?

  • Bleibt kritisch – hinterfragt die Herangehensweisen, Prozesse und Experimente und seid mutig, diese zu ändern. Vor allem auch in Bezug auf Notwendigkeit und Umfang von Tierversuchen.
  • Denkt interdisziplinär – oft lassen sich Lösungen am besten erkennen und entwickeln, wenn man mit Menschen zusammenarbeitet, die eine andere Sicht auf das Problem haben und andere Fähigkeiten zur Lösungsfindung beitragen.

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