Mehr Tierwohl und Präzision in der Augenheilkunde

Das Projekt „BestPracticePig 2“ nutzt Schweineaugen aus Schlachtabfällen, um Tierversuche an Mäusen in der Augenheilkunde zu reduzieren. Da das Schweineauge dem menschlichen anatomisch ähnlicher ist, bietet dieses Modell eine höhere biologische Relevanz für die Erforschung von Volkskrankheiten wie der Makuladegeneration. Das Ziel: Ein kostengünstiger, genetisch vielfältiger Standardtest für die Wirkstoffforschung.

BestPracticePig2
Quelle: Tyler Olson – stock.adobe.com

Worum geht es im Projekt „BestPracticePig 2“?

Das Projekt hat das Ziel, die Verwendung von Mäusen in der Augenheilkunde zu reduzieren. Hierfür entwickeln die Forschenden ein Modell aus Schweineaugen, die aus Schlachtabfällen gewonnen werden. Dabei spezialisieren sie sich auf das so genannte retinale Pigmentepithel, dem eine wichtige Rolle bei vielen Erkrankungen der Netzhaut, etwa der altersabhängigen Makuladegeneration, zukommt. Das im Vorgängerprojekt etablierte Modell wird in der zweiten Phase für zusätzliche Anwendungen weiterentwickelt: Die Anwendbarkeit wird durch die Verwendung multipler Kulturen aus einem Auge erhöht und das Modell in unterschiedlichen Laboren validiert. Die Entwicklung soll zudem national und international bekannt gemacht werden.

Was ist das Besondere an diesem Ansatz? 

Das Forschungsteam verbindet Tierwohl mit biologischer Relevanz und einfacher Handhabung. Das Schweineauge ist dem menschlichen Auge sehr viel ähnlicher als das der Maus. Zudem umgeht das neue Modell ein weiteres Problem der medizinischen Forschung: Eine Kultur im neuen Modell entspricht jeweils einem Individuum, die Zellen dieser einzelnen Kultur sind demnach genetisch identisch, zwischen den Kulturen aber genetisch verschieden wie auch bei Patienten. Das ist bei herkömmlichen Mausmodellen und Zellkulturen generell nicht der Fall. Hier werden häufig genetisch sehr einheitliche Mäuse verwendet oder mehrere Kulturen aus einer Ursprungsquelle gewonnen, was die genetische Vielfalt von Patienten nicht realitätsnah abbildet.

Das Forschungsteam optimiert seine Protokolle zudem für zentrale Fragestellungen der Forschung – etwa oxidativen Stress, Entzündungen oder die Bildung neuer Blutgefäße. Sie werden genau erprobt und lassen sich von anderen Laboren unkompliziert übernehmen. Zugleich ist das Modell kostengünstig und zeitsparend.

Wie trägt das Projekt zum 3R-Prinzip bei?

In diesem Fall muss kein Tier nur für die Forschung getötet werden. Das Forschungsteam verwendet vielmehr eine nachhaltige Ressource: Schweineaugen aus Schlachtabfällen, die sonst ungenutzt entsorgt würden. Gleichzeitig können die Forschenden einen Organismus nutzen, dessen Augen dem des Menschen anatomisch deutlich ähnlicher sind. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rechnen damit, so die Anzahl der benötigen Versuchstiere und Tierversuche in der retinalen Wirkstoffforschung spürbar zu reduzieren. 

Was ist das langfristige Ziel des Projekts?

Ziel ist, dass das Modell von vielen Laboren in der Augenheilkunde eingesetzt und weiterentwickelt wird, bis die Verwendung von Kulturen aus dem Schweineauge zum Standard geworden ist. Noch sei hier Überzeugungsarbeit zu leisten, so die Forschenden, da generell die Maus nach wie vor als Standard gelte. Doch man arbeite mit Nachdruck daran, das Modell über Veröffentlichungen, Tagungen, Kongresse, WebLabs und viele Gespräche bekannt zu machen und als Ersatzmethode für Mausversuche zu etablieren.

Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt unterstützt das Projekt BestPracticePig 2 im Rahmen der Förderrichtlinie „Alternativmethoden zum Tierversuch“ mit rund 800.000 Euro.

Kontakt zur Projektkoordinatorin Prof. Dr. Alexa Klettner, Universität Kiel

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